EINS
Bruce Baron spritzte sich Wasser ins Gesicht. Er war allein auf der
Toilette. Gut. So konnte er sich vor seinem großen Auftritt noch mal
sammeln. Wie in Watte gepackt drang dumpf die Musik an seine
Ohren. Die Band spielte ausgezeichnet, und er freute sich, dass er sie
engagiert hatte.
Der Blick in den Spiegel zeigte ihm einen ausgemergelten und
bleichen Mittfünfziger. Der drastische Gewichtsverlust in den letz-
ten sechs Wochen hatte seine Wangen einfallen lassen, dunkle Rän-
der unter den Augen ließen ihn krank aussehen. Er nahm sich ein Pa-
piertuch von der Ablage, trocknete sich die Hände und verließ die
Toilette.
Im Ballsaal empfing ihn ein warmes gelbes Licht. Auf den runden
Tischen, um die seine Gäste saßen, leuchteten Kerzen. Einige Paare
tanzten ausgelassen auf der Tanzfläche.
Zufriedene Gesichter strahlten Baron an, als er zur Bühne schlen-
derte. Unauffällig gab er einer der Kellnerinnen ein Zeichen. Sie griff
sich einen kleinen Karton, der unter dem Buffet stand, und begann,
Kuverts an die Gäste zu verteilen. Bruce hatte ihr eingeschärft, allen
zu sagen, dass sie die persönlich adressierten Umschläge erst nach
seiner Rede öffnen durften. Er beobachtete, wie die Ersten ihre Um-
schläge erhielten. Zufrieden stellte er fest, dass sie der Aufforderung
nachkamen und die Kuverts unangetastet ließen.
Baron lächelte. Als er am Tisch des Bürgermeisters vorbeikam, blieb
er stehen und klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. »Gefällt
es dir?«
»Na sicher«, rief der Bürgermeister aus und schmauchte an seiner
Zigarre. »Du hast dich das fünfundzwanzigjährige Firmenjubiläum
ja richtig was kosten lassen. Hervorragend!«
»Ja, nur vom Feinsten«, bestätigte Baron und gab seiner Frau Su-
sanne, die links vom Bürgermeister saß, einen Kuss in den Nacken.
Sie trug ein weinrotes Abendkleid, das ihre Figur umschmeichelte.
Die Perlenkette um ihren Hals schimmerte matt im Kerzenschein
und betonte ihr freizügiges Dekolleté. Baron wusste, dass seine Frau
einige Eskapaden mit anderen Männern gehabt hatte. Sie war kein
Kind von Traurigkeit. In diesem Punkt unterschieden sie sich kaum.
Allerdings sah das beim Thema Eifersucht anders aus. Er nahm es eher
gelassen, wenn sie sich mal vergnügte, verzieh ihr die Seitensprünge.
Sie dagegen machte ihm jedes Mal eine Szene, hatte ihn sogar schon
mit einem Messer angegriffen. In ihrer Wut kannte sie keine Gren-
zen. Trotzdem liebte er sie immer noch.
»Bist du aufgeregt?«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Ihr Atem roch süß-
lich nach Prosecco.
Er zuckte mit den Schultern. »Ein wenig.« Er gab ihr noch einen
Kuss und schlenderte weiter.
Die Band war wirklich ein Glücksgriff gewesen. Die Musiker tra-
fen jeden Ton und schienen sich dabei noch nicht mal anstrengen zu
müssen. Die attraktive Sängerin hauchte lasziv ihren Text ins Mikro.
Ein echter Augenschmaus, dachte Baron und zwinkerte ihr zu. Sie
strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und winkte kaum merklich
in seine Richtung.
Ein rundlicher Mann mit Glatze kam auf ihn zu und schüttelte en-
thusiastisch seine Hand. »Vielen, vielen Dank, Chef. Ich habe mich
seit Jahren nicht mehr so köstlich amüsiert. Und erst das Buffet! Phan-
tastisch. Ich habe noch nie Perlhuhn gegessen. Und echten Kaviar auch
nicht.« Der Mann beugte sich vor und setzte eine verschwörerische
Miene auf. »Das hat bestimmt ein Vermögen gekostet.«
Der Ludwig aus der Werbeabteilung. Ein zuverlässiger Mitarbeiter,
mitunter leider ein wenig wehleidig, dachte Baron. »Das Beste ist ge-
rade gut genug für meine Mitarbeiter. Aber ich verrate Ihnen ein Ge-
heimnis«, sagte er und senkte die Stimme. »Es ist noch nicht bezahlt.«
»Ach Sie«, gab Ludwig zurück und lachte. »Sie machen Witze.«
Er ließ Barons Hand los und schob eine ebenfalls rundliche Frau vor.
Sie reichte Baron bis zum Bauchnabel.
Ein lebender Medizinball, dachte dieser amüsiert, hörte ihren
Namen, während er ihr freundlich zulächelte, und vergaß ihn auch
sofort wieder. Damit wollte und musste er sich nicht mehr belasten.
Er entschuldigte sich bei den Ludwigs und schritt die Treppe zur
Bühne hin auf.
Die Band spielte die letzten Takte von »Rhapsody in Blue«. Ge-
duldig lauschte er. Es freute ihn, dass die Musiker extra für diesen
Anlass Gershwins Meisterwerk einstudiert hatten. Es war sein Wunsch
gewesen, da es ihn an seine Anfangszeiten erinnerte, als er noch selbst
Klinken geputzt hatte. Bei einer rassigen dunkelhäutigen Kubanerin
war er damals mehr als einmal hängen geblieben. Sie hieß Maria und
war als Republikflüchtige mit einem GI nach Spangdahlem in die Eifel
gekommen. Endlich dem Kommunismus entflohen, verfiel sie dem
amerikanischen Lebensstil. Ihr Soldat war schnell laufen gegangen.
Geblieben waren ihr der Whisky, ihre Marlboros und die Musik. Und
eine ganze Weile auch Bruce.
Wehmut packte ihn. Seine Brust fühlte sich plötzlich an, als ob ein
dicker Stein darauf lasten würde. Damals war alles so einfach gewesen.
Er hatte nichts außer seinem jungen Leben besessen, hatte nur
hinzugewinnen können.
Die Sängerin steckte das Mikro in den Ständer und schlenderte mit
aufreizenden Hüftschwüngen zu ihm rüber. Sie hauchte ihm einen
flüchtigen Kuss auf die Wange. Ihr Atem roch nach Pfefferminz, ihr
Parfüm blumig.
»Wir sehen uns.« Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Versetz
mich nicht, sonst werde ich sehr böse.« Schmunzelnd verschwand sie
mit den anderen Musikern in dem Gang, der zu den Garderoben führte.
Baron sah verstohlen zu seiner Frau. Sie unterhielt sich angeregt
mit dem Bürgermeister und hatte von dem kurzen intimen Moment
nichts mitbekommen. Erleichtert atmete er auf. Einen weiteren
Fehltritt würde sie ihm zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt nicht
verzeihen. Von seiner Beziehung zu der Sängerin durfte sie auf keinen
Fall erfahren. Er blickte auf die Uhr. Kurz nach Mitternacht. Die Ersten
saßen bereits etwas unruhig auf ihren Stühlen und warteten nur noch
auf seine Ansprache, bevor sie nach Hause eilen würden. Jetzt war der
Augenblick gekommen.
Mit festem Schritt trat er ans Mikrofon und wartete geduldig, bis
er sich der Aufmerksamkeit aller sicher war. Er horchte in sich hinein.
Damals, als er den Plan gefasst hatte, den Höhepunkt hier und
jetzt zu setzen, hatte er noch Skrupel gehabt. Doch je näher der heutige
Tag gerückt war, desto sicherer war er geworden. Er hatte alles
richtig gemacht.
»Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde«, begann er und
steckte die Hände in die Taschen seines neuen Anzuges. »Ich hoffe,
Sie hatten alle einen schönen Abend.«
Applaus brandete auf, einige johlten.
Baron lächelte und verbeugte sich leicht. »Das freut mich sehr. Sie
haben sich diesen Abend redlich verdient. Denn fünfundzwanzig
Jahre haben wir Seite an Seite gestanden und das Schiff auf Kurs ge-
halten. Jeder von Ihnen hat sein Bestes gegeben. Viele von Ihnen haben
sich sogar finanziell eingebracht, haben mir Kredite gewährt, damit
wir die schwierigen letzten drei Geschäftsjahre überbrücken konn-
ten. Dazu die vielen unbezahlten Überstunden. Wenn ich die alle hätte
auszahlen müssen, wäre ich schon vor längerer Zeit gezwungen ge-
wesen, den Betrieb einzustellen. Ihr außergewöhnlicher Einsatz ver-
dient meinen Respekt und meinen ganz besonderen Dank. Ich bin stolz
auf Sie.« Er zog die Hände aus den Taschen und breitete die Arme
aus.
Kräftiger Applaus schlug ihm entgegen.
So, das war der angenehme Part, dachte er. Er wartete einige Se-
kunden ab und legte sich die Worte zurecht, einfach strukturiert, für
jeden verständlich.
»Aber leider hat das alles nichts genutzt. Ich will nicht lange um
den heißen Brei herumreden.« Er fasste sich in die Hosentaschen und
zog das Futter heraus. »Ich bin pleite. Mein Privatvermögen ist weg,
meine horrenden Schulden kann ich nicht mehr bedienen, und das
Finanzamt schnürt mir die Kehle zu. Ich habe Insolvenz angemeldet.
In den Umschlägen, die Sie gerade erhalten haben, befinden sich Ihre
Kündigungen. Die Produktion wird sofort eingestellt, die Verwal-
tung aufrechterhalten, bis alles abgewickelt ist. Vielleicht aber findet
der Insolvenzverwalter den Weg, die Firma zu retten, den ich nicht
sehe. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.« Er drehte sich
auf dem Absatz um und verließ die Bühne.
Während er durch den Seitenausgang ins Freie trat, hörte er, wie
hinter ihm im Saal der Tumult losbrach.
***
Die Straße durchschnitt ein kleines Wäldchen. Schneeregen prassel-
te, von den Baumkronen kaum gebremst, unvermindert heftig auf
die Windschutzscheibe.
Jan Welscher kümmerte das nicht. Er hatte heute absichtlich nicht
die A1 genommen, da er Zeit brauchte, um über das nachzudenken,
was ihn am Morgen kalt erwischt hatte.
Sein alter Fiesta keuchte mit mageren siebzig Stundenkilometern
auf der L182 unter der A61 durch und weiter, an Neukirchen vorbei,
in Richtung Großbüllesheim. Ärgerlich knüllte er seinen Pappkaf-
feebecher zusammen und warf ihn über die Schulter auf die Rück-
bank.
»Scheiße! Blöde Hinterwäldler! Dumpfbacken!«, fluchte er nicht
zum ersten Mal, seit er heute Morgen seine Zuweisung erhalten hatte.
»Euskirchen, so ein Scheißkaff!« Er haute mit dem Handballen auf
das Lenkrad. Dabei war doch bisher alles nach Plan gelaufen. Nach
der Ausbildung und den Jahren bei der Bereitschaftspolizei hatte er
den Dienst im Polizeipräsidium in Köln-Kalk angetreten, ganz so,
wie er sich das erhofft hatte. Eine Großstadt mit Herz, in der jeder so
leben konnte, wie es ihm in den Sinn kam.
Welscher fingerte an seinem Handy herum, scrollte durch das Te-
lefonbuch. Er musste zu Hause Bescheid geben und sich seinen Frust
von der Seele reden. Kurz zögerte er. Ob Alex ihm überhaupt zuhö-
ren würde?
Beim gemeinsamen Frühstück heute Morgen hatten sie sich wie-
der einmal gestritten, wie so oft in den letzten Monaten. Diesmal war
es die Wäsche gewesen. Verdammt. Seine unregelmäßige Arbeitszeit
brachte es nun mal mit sich, dass der überwiegende Teil der Hausar-
beit an Alex hängen blieb. Er konnte doch nichts dafür. Und wenn es
nicht seine Arbeitszeit oder die Hausarbeit war, dann ein versalzenes
Essen, ein verschütteter Traubensaft oder eine verdorrte Pflanze, an
die niemand gedacht hatte. In letzter Zeit fanden sie immer wieder
einen Anlass, um aus banalen Gründen einen Streit vom Zaun zu bre-
chen. Sogar der Klassiker aller Beziehungskiller war dabei gewesen:
die nicht zugeschraubte Zahnpastatube.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Welscher, ob sie die Beziehung
auf dieser Basis überhaupt noch weiterführen konnten. Aber ge-
meinsame fünf Jahre warf man nicht einfach so über Bord. Er war be-
reit, für seine Liebe zu kämpfen und Kompromisse einzugehen. Ob
Alex es auch so sah? Daran zweifelte er in letzter Zeit immer häufi-
ger. Das ständige Gezicke um jede Kleinigkeit ging ihm ziemlich auf
die Nerven.
Aber egal. Jetzt brauchte er eine vertraute Stimme. Er würde ein-
fach mit einer Entschuldigung beginnen, das würde die Wogen glät-
ten.
In seiner Aufregung flutschte ihm das Handy aus der Hand und
fiel in den Fußraum auf der Beifahrerseite. »Mist«, grummelte er,
beugte sich hinunter und tastete nach dem Gerät. Als er es endlich er-
wischt hatte und wieder hochkam, bog keine fünfzig Meter vor ihm
ein Traktor mit Hänger aus Richtung Schneppenheim auf die Straße
und hielt überraschend an. Beherzt trat Welscher in die Eisen und kam
schlitternd nur wenige Zentimeter vor dem Traktor zu stehen. Wäre
sein Fiesta nicht so altersschwach die Straße entlanggekrochen, wäre
er mit Sicherheit unter den Auflieger geraten und jetzt einen Kopf kür-
zer. Sein Herz klopfte bis zum Hals.
Der Landwirt stieg seelenruhig aus der Fahrerkabine und stellte
sich breitbeinig an den Straßengraben.
»Ich glaub es nicht.« Wütend riss Welscher die Autotür auf und
wollte hinausspringen. Doch er wurde im Sitz festgehalten. Im ers-
ten Moment wusste er nicht, was los war, dann schoss ihm die Röte
ins Gesicht. Er hieb auf das Gurtschloss. Mit einem pfeifenden Ge-
räusch rollte der Gurt sich auf und gab ihn endlich frei. Welscher stieg
aus dem Wagen und stürmte auf den Mann zu. »Ja wo gibt’s denn so
was? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«
Der Landwirt schüttelte ab, zog den Reißverschluss seiner vor
Dreck starrenden Jeans hoch und wandte sich Welscher zu. Dabei
blickte er ihn nicht an, sondern sah auf etwas hinter Welschers Rü-
cken. »Stadtminsch«, brummte er und deutete auf das Kennzei-
chen.
»Dass es mir nicht auf der Stirn steht, ist mir schon klar«, gab Wel-
scher unwirsch zurück und machte eine ausladende Handbewegung
in Richtung Traktor. »Wie können Sie nur dort anhalten, Mann? Das
ist ja gemeingefährlich.«
Einige Wagen zogen hupend an ihnen vorbei.
Der Landwirt achtete gar nicht darauf. »Isch moot ens pinkelen«,
nuschelte er und erklomm dann das Führerhaus seines Traktors. Ohne
Welscher eines weiteren Blickes zu würdigen, ließ er den Diesel an
und zuckelte davon. Eine Rußwolke umhüllte Welscher und ließ ihn
husten. Er zog seinen Notizblock aus der Innentasche seines Blou-
sons und notierte sich das Kennzeichen. Als er die letzte Ziffer schrieb,
hielt er inne. Sekundenlang schwebte die Mine des Bleistifts über dem
Papier, bis er das Kennzeichen durchstrich. Er musste den Kollegen
ja nicht direkt am ersten Tag mit solchen Bagatellen auf die Nerven
gehen. Die sollten schließlich nicht denken, er würde sich an so etwas
aufhängen. Er steckte den Block ein, setzte sich in seinen Wagen und
fuhr weiter.
Kurz vor der Kreuzung, an der Welscher links auf die Kölner
Straße abbiegen musste, überholte er den Traktor. Der Landwirt tu-
ckerte seelenruhig mit zwanzig Stundenkilometern über die Land-
straße, als ob nichts gewesen wäre. Welscher kurbelte das Seitenfenster
herunter, streckte den Arm raus und zeigte dem Mann den erhobe-
nen Mittelfinger. Für einen Moment fühlte er sich besser, doch als er
einige Minuten später das gelbe Ortsschild erreichte, verflog seine
gute Laune wieder. Euskirchen.
Dieses Drecksloch, dachte er, ausgerechnet hierhin. Einen klitze-
kleinen Trost verspürte er, als er sich daran erinnerte, dass das Ge-
bäude der Kreispolizeibehörde an der Kölner Straße lag. Zumindest
das Straßenschild trug einen vernünftigen Namen.
Kurz darauf parkte er seinen Fiesta und betrat mit klopfendem
Herzen das schmucklose Gebäude. Da er sich hier nicht auskannte,
hatte er den Besuchereingang gewählt. Vom kleinen, nahezu quadra-
tischen Eingangsbereich führte eine Glastür geradeaus in das Trep-
penhaus. In die Tür links war ein Fenster eingelassen. Welscher sah
in dem Raum dahinter eine Frau, die in einen Telefonhörer sprach. Er
klopfte, der Türöffner summte und er trat ein. Sie beendete das Ge-
spräch und sah ihn freundlich an.
»Ja?«
Ihr nettes, rundes Gesicht wurde von einem kleinen Doppelkinn
untermalt. Eine ansehnliche Oberweite sprengte fast die weiße Bluse.
Die Knöpfe spannten bedrohlich, ihr Namensschild, das sie als Frau
Brockmeyer auswies, lag fast waagerecht. Im Kragen steckte eine
Nadel mit dem nordrhein-westfälischen Wappen. Er schätzte ihr Alter
auf Mitte zwanzig.
»Jan Welscher. Ich bin der Neue«, presste er missmutig hervor. Mit
Daumen und Zeigefinger rieb er sich den Nasenrücken und hob ent-
schuldigend die andere Hand. »Ich fang besser noch mal an.«
»Ist Ihnen nicht gut?«
Ihre Stimme klang wie drei Tage in einer Disco durchgefeiert,
kratzig und tief, zu viele Zigaretten, zu viel Alkohol. Welscher ver-
mutete, dass irgendwo in einem der kleinen Dörfer hier am Wochen-
ende ein Schützenfest stattgefunden hatte. Bevor er es verhindern
konnte, rutschte ihm heraus: »Da hat aber jemand am Wochenende
mit dem Nubbel getanzt, was?«
Er biss sich auf die Zunge. Was ging es ihn an, was die Kollegin am
Wochenende trieb?
Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.
Und Nubbel heißt das Männchen bei uns auch nicht, das sollten ge-
rade Sie eigentlich wissen.«
Er nickte stumm. Nach dem Volksglauben wurden in Köln mit
dem Verbrennen des Nubbels kurz vor Aschermittwoch alle in der
Karnevalszeit begangenen Sünden und Verfehlungen getilgt. Hier auf
den Dörfern geschah das am Ende einer Kirmes, und je nach Region
hieß der Nubbel dann Zachaies, Rurmanes oder auch Äätzebär.
Sie zupfte an ihrem Hemdkragen und zog einen Flunsch.
Welscher fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar. »Okay,
okay, Arschloch meldet sich zum Dienst«, sagte er und versuchte so,
die Situation mit einem Scherz zu entspannen.
Frau Brockmeyer hob eine Augenbraue und blätterte in den Pa-
pieren, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Mit einer schwungvollen Be-
wegung zog sie ein Schreiben hervor, überflog es kurz und hielt es
ihm dann vor die Nase. »Nachname Arschloch, Vorname Großes.
Stimmt. Der soll heute seinen Dienst hier aufnehmen. Das sind dann
wohl eindeutig Sie.«
Welscher las seinen Namen auf dem Schreiben und nickte. Bei Frau
Brockmeyer hatte er wohl vorerst verschissen. Er nahm sich vor, bei
passender Gelegenheit ein wenig Schönwetter zu machen. Vielleicht
mit einem Blumenstrauß.
Sie schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn ihm mit spitzen
Fingern. »Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie dorthin kommen sollen.«
Er nahm den Zettel. Die krakelige Handschrift konnte er kaum
entziffern. »Maria Rast?«, fragte er unsicher und runzelte die Stirn.
»Wenn es da steht«, fistelte sie und sah zum Fenster hinaus.
»Was ist denn los?«, wollte Welscher wissen.
»Was weiß denn ich? Ich bin nur die Empfangsdame.« Wieder zupf-
te sie an ihrer Bluse herum.
Er stopfte sich den Zettel in die Hosentasche und wusste ganz
genau, dass sie im Bilde war. Aber offensichtlich hatte sie beschlos-
sen, ihn wie die Titanic auf den Eisberg auflaufen zu lassen. Er dreh-
te sich um und öffnete die Tür.
»Sie wissen, wo das ist?«, rief ihm Frau Brockmeyer nach. In ihrer
Stimme schwang Skepsis mit.
»Kein Problem«, antwortete Welscher, ohne sich umzudrehen.
***
Horst Fischbach, den alle bis auf seine Frau nur Hotte nannten, saß
gedankenverloren an der Werkbank in seiner kleinen Werkstatt. Er
starrte auf die grünliche Plane in der hinteren Ecke des Raumes. Eine
Maus flitzte über den Berg, den der Stoff verbarg. Nicht zum ersten
Mal fragte er sich, warum er das Autowrack behalten hatte, erinner-
te es ihn doch jeden Tag an den folgenschweren Unfall vor fünfzehn
Jahren.
Fischbach wischte sich über die Augen. Die Wochen vor Weih-
nachten waren die schlimmsten. Der Schmerz, der ansonsten ganz
tief in ihm grummelte, flammte auf und entfachte sich bis zu den Fei-
ertagen zu einer Feuersbrunst. In dieser Zeit wurde er wortkarg und
abweisend, ohne es wirklich zu wollen.
Jemand stupste ihn an die Wade. Er riss sich von dem Anblick los
und beugte sich vor. »Mensch, Schnüffel«, seufzte er und tätschelte
dem Tier die Seite. »Heitere mich mal was auf.«
»Klößchen«, hörte er da seine Frau Sigrid über den kleinen Hof
rufen. Die Tür der Werkstatt wurde aufgerissen, und sie stürmte her -
ein. »Telefon, dein Chef.«
Fischbach griff sich den Motorradtank von der Werkbank, klemm-
teihn zwischen die Beine und begann, den Lack abzuschmirgeln. »Ich
hab frei«, sagte er mit fester Stimme, um keinen Widerspruch zuzu-
lassen. »Und ich mag es nicht, wenn du mich so nennst.«
Sie legte den Kopf schief und lächelte, ihre Augen strahlten. Wie
immer wirkte sie so, als ob ihr der Schalk im Nacken säße. Mit ihrem
heiteren, gutmütigen und ehrlichen Charakter schaffte sie es im -
mer wieder, seine trüben Gedanken zu vertreiben. Dafür liebte er
sie.
Sie hielt ihm das Telefon hin. »Nun hab dich doch nicht so. Es ist
wohl wichtig.«
Fischbach schüttelte demonstrativ den Kopf. Er hatte sich seinen
freien Tag redlich verdient. Insgeheim wusste er jedoch, dass er gegen
Windmühlen kämpfte.
Sigrid trat neben ihn, streichelte ihm fürsorglich über sein volles
Haar und drückte ihm den Hörer ans Ohr.
»Was ist?«, blaffte Fischbach. »Letzte Woche noch hast du mir
versichert, du hättest vollstes Verständnis dafür, dass ich mal eine
Woche aussetzen muss. Und jetzt, ich bin kaum ein paar Stunden
fort, muss ich schon wieder deine Stimme hören.« Er legte den Tank
zur Seite und nahm Sigrid den Hörer aus der Hand.
»Ich weiß«, hörte Fischbach die knorrige Stimme seines Chefs
sagen. »Aber ich brauche dich hier. Dringend.«
Sigrid winkte ihm stumm zu und schob ihren kleinen, runden Kör-
per elegant wie eine Primaballerina zur Tür hinaus.
Fischbach schluckte seinen Ärger hinunter. »Leg schon los«, press-
te er heraus.
»Du wirst es kaum glauben«, verkündete sein Chef und begann
mit wahrscheinlich vor Stolz geschwellter Brust, Ungeheuerliches zu
erzählen.
Staunend hörte Fischbach zu.
...
